Panik auf Funkotron!

We don't need a bigger boat

Ich mag es, wenn Videospiele ein Spielplatz sind, auf dem eigene kleine Geschichten entstehen können. Folgendes Abenteuer hat sich gestern auf der hohen See von Sea of Thieves zugetragen:

Im Hauptmenü besagten Spiels wird sehr prominent der Angriff auf eine dunkle Festung beworben. Eine besondere „Voyage“, wie Missionen in Sea of Thieves im Englischen genannt werden. In diesem Fall mit einer wohl enorm hohen Belohnung. Das lässt mein Piratenherz merklich höher schlagen. Sollte sich hinter diesem Abenteuer am Ende eine Möglichkeit verstecken, mit Hilfe derer ich vielleicht doch noch die 100. Stufe des Level Passes erreichen könnte? Ich bin derzeit bei Level 93 und zumindest das Katana (Level 96) hätte ich schon gerne noch erspielt. Obwohl ich Schwertkämpfe in Sea of Thieves so gar nicht mag. Egal. In die Sammlung gehört sowas aber eigentlich schon.

Da es alleine eher schwer ist, im besagten Level Pass voran zu kommen und meine Tochter, ihres Zeichens Freibeuterin an meiner Seite, an den letzten Abenden nie wirklich Zeit hatte, verbringe ich aktuell meine Zeit im Spiel fast ausnahmslos mit dem Angeln von Fischen. Ein Level-up pro Stunde ist bei dieser Tätigkeit drin, die sehr gut alleine zu bewältigen ist, und Spaß macht es auch. Zur Abwechslung wäre so ein ausschweifender Raid auf ein Fort aber auch nicht schlecht. Dann der Schock: Nur noch bis Mittwoch, den 19. Februar! Das ist morgen (also heute)! Ich setzte daraufhin umgehend das Segel meiner Schaluppe und fuhr alleine los in Richtung der dunklen Festung. Berühmte letzte Worte.

Der erste Unterschied zum regulären Fort wurde mir relativ schnell klar: Überall fuhren Geisterschiffe umher und schossen aus allen Rohren auf mich, sobald ich mich der Festung näherte. Mein Schiff war binnen weniger Minuten dermaßen demoliert, dass es sank. Offenbar ist dieses Raid für mehrere Spieler*innen ausgelegt. Na so eine Überraschung! Ich beschwor also meinen inneren Solid Snake herauf, sprang über Bord und schwamm nur mit einem Messer bewaffnet zum Fort. Wenn die Aktion eh schon blöd war, weil ich alleine ein Fort angriff, trieb ich sie nun noch auf die Spitze. Denn irgendwie müsste ich die Schätze ja auch wieder vor hier wegschaffen, sollte ich tatsächlich Erfolg haben. Das war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings längst egal.

Just in diesem Moment entschied sich meine Tochter doch noch dem Spiel beizutreten. Da ich aber keinen Versuch unternahm, auf meinem Schiff irgendwo abseits der Festung neu zu spawnen (über einen Meerjungmann, der schon ungeduldig in den Wrackteilen meiner Schaluppe schwamm), startete sie zwar auf einer einsamen Insel, dort allerdings ebenfalls ohne unser Schiff. Spätestens hier hätten weniger hartnäckige Menschen die Flinte ins Korn geworfen und einfach nochmal von vorne begonnen. Nicht aber ich und meine Tochter, die scheinbar die eine oder andere geistige Erblast meinerseits in sich trägt. Sie suchte sich also kurzerhand ein Ruderboot und machte sich damit auf den Weg in Richtung meines Gamertags am Horizont. Schlau.

Ruderboote in Sea of Thieves sind allerdings sehr langsam und nicht ganz so einfach zu steuern, da jedes Ruder mit einer Trigger-Taste bedient wird. Ich hatte also genug Zeit, mit Hasenfußtaktik, äh Schleichangriffen, sämtliche Phantome und Geister in der Festung mit der Waffe meiner Wahl, dem Wurfmesser, zu erledigen. Gelegentliches Abtauchen ins Meer für einen Snack unter Wasser hat mich immer dann gesundheitlich wieder hochgepuscht, wenn es nötig war. Alles zu ermutigenden „Ich bin gleich da!“- oder „Ich kann die Festung schon sehen!“-Sätzen meiner Tochter, die eine gute halbe Stunde später tatsächlich mit dem Ruderboot anlegte. Die Geisterschiffe haben ihr Boot überraschenderweise komplett ignoriert. Offenbar kam bei RARE niemand auf die Idee, dass sich Spieler*innen mit einem Beiboot auf den Weg zum Raid machen könnten. Har, har!

Wir erledigten daraufhin gemeinsam noch die beiden Kapitäne, schlugen die Geisterflotte mit Kanonen der Festung in die Flucht und fällten letztendlich auch den Gefängniswärter der Finsternis (oder so ähnlich). Der Schatz war unser! Ohne Schiff. Aber mit einem Ruderboot. Und weil Schatztruhen in Sea of Thieves keine soliden Gegenstände sind, konnten wir jede der gefühlt 15 Truhen, einige wertvolle Schädel und diversen Kleinkram in das kleine Boot stopfen bevor wir vollbeladen erneut in See stachen. Jetzt wurde es nochmal spannend, den irgendwo musste das Zeug ja auch verkauft werden.

Einen Kartentisch gab es auf dem kleinen Boot nicht. Logisch. Wir waren auf das Internet und unsere Navigationskünste angewiesen (Das laute Lachen, das ihr gerade hört, kommt übrigens von meiner Frau). Aber Sea of Thieves kündigt naheliegende Inseln immer mit deren Namen an und so konnten wir bereits nach ein paar Minuten unsere Position anhand einer Karte im Netz ausmachen. Südwestlich wäre ein Hafen, also war unser Kurs klar. Alle Pirat*innen im Spiel haben einen eigenen Kompass im Inventar. So ein Glück! Genau wie ein Fernrohr. In dem ich wenige Minuten später einen Zweimaster an genau der Insel parken sah, die unser Reiseziel war. So ein Pech! Aber südöstlich gab es noch eine weitere Möglichkeit, unsere Schätze loszuwerden. Und eine halbe Stunde später, die wir ausschließlich breit grinsend ob der Belustigung über diese ganze Aktion verbrachten, erreichten wir mit einem Beiboot voller wertvoller Schätze endlich wieder festen Boden unter unseren Füßen. Und waren kurzerhand später gut 100.000 Gold reicher. Immer noch ohne Schiff.

Pics or it didn't happen sagt der digitale Volksmund, also möchte ich euch meinen als Screenshot festgehaltenen Moment des Triumphs nicht vorenthalten:

Ein stattlicher Seeräuber mit hochgerissenen Armen, eine Geste des Triumphs vollziehend, in einem Haufen Kisten in einem Ruderboot stehend. Die Himmel ist in giftiges Grün getaucht.

Ich sehe das Ruderboot in Sea of Thieves jetzt mit ganz anderen Augen. Was für ein großartiges Spiel!

Und mein Level Pass? Ein Level-up gab es. Also etwa genau so viel, wie eine Stunde angeln. Menno.

seaOfThieves, spiel

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